Eine Ode an die analoge Fotografie

Ein Gastartikel der Fotografin Anna Rösch
Absolventin des Kurses Spüre die Energie — Tribu-Feature

Die ersten drei Dinge, die ich nach jeder Familienreise mache: duschen, auspacken und meine Filmrollen zum Entwickeln schicken.

Die analoge Fotografie ist zu meiner Art geworden, die Welt zu sehen — meine alten Kameras eine Verlängerung meiner Hand.

So halte ich die wichtigsten Erinnerungen meiner eigenen Familie fest — und die der Familien, die mich als Familienfotografin zu sich nach Hause einladen, um sie zu fotografieren.

Jedes Mal, wenn die E-Mail mit meinen fertigen Scans eintrifft, schlägt mein Herz schneller – egal, wie viele Filme ich schon belichtet habe. Wenn ich die Bilder unserer letzten Reise nach Südafrika anschaue, spüre ich die Sonne auf der Haut meiner Kinder, sehe das Licht, das die Landschaft weichzeichnet. Ich höre das Rauschen der Wellen, den Ruf der Vögel, die Stille des Nebels.

Und ich erinnere mich daran, wann meine Liebe zur analogen Fotografie begann. Wie die meisten Fotograf:innen heute habe ich mit digital angefangen. Doch dann kam eine Reise, die alles veränderte:

Ich sitze in der Kabine unseres Campervans.
Draußen ist es dunkel, die Kinder schlafen.
Ich höre Wallabys leise fiepen, während sie nach Futter suchen.

Ich nippe an meinem Craft-Cider und schaue mir Bilder auf dem Rückbildschirm meiner modernen, teuren Digitalkamera an. Zum fünften Mal scrolle ich durch sie — und komme immer wieder zur selben Erkenntnis:

Sie gefallen mir nicht. Sie haben einfach nichts.

Frustriert schalte ich den Bildschirm aus. In diesem Moment scheint es, als müsse ich Tasmanien in meiner Erinnerung bewahren — nicht auf Fotos.

Wir sind vor ein paar Tagen in Tasmanien angekommen.

Selbst für eine vielreisende Familie wie uns ist das etwas Besonderes. Mehr als 30 Stunden hat es gedauert, von Berlin nach Hobart zu kommen — mit einem launischen Fünfjährigen und einem Baby, das Schlafen nicht mag. Aber als ich aus dem Flugzeug stieg, wusste ich: Es hat sich gelohnt.

Das erste, was mich traf, war das Licht. Als hätte die Luft eine eigene Farbe. Ich hatte so ein Licht noch nie zuvor gesehen. Dann die Farben, das Backsteinrot der alten Häuser in Hobart, die sich ständig verändernden Landschaften, die unglaublich freundlichen Menschen. Ich liebte alles daran. Und ich war überwältigt.

Es war viel, fast zu viel. Natürlich griff ich zur Digitalkamera und begann zu fotografieren. Viele, viele Bilder, die die Schönheit dieses Ortes einfangen sollten.

Und dann, zurück im Campervan, wurde mir klar: Diese Bilder waren nichts. Langweilig, flach, ohne die Magie dieser Insel.

Ich versuchte es noch ein paar Tage, aber das Ergebnis blieb das gleiche.

Da erinnerte ich mich an die wichtigste Lektion aus dem Kurs Spüre die Energie: meiner Intuition zu vertrauen.

Aber in all der Reizüberflutung blieb sie stumm. Ich war kurz davor, auf dieser Reise einfach keine Fotos mehr zu machen. Doch stattdessen griff ich zu meiner alten analogen Kamera — einer Olympus OM-1, die ich kaum je benutzt hatte.

Kennst du diese Szene in Harry Potter, wenn ein Zauberer den Zauberstab berührt, der für ihn bestimmt ist? Dieses Gefühl der Verbindung, als würde der Stab ein Teil des Körpers werden? Genau das passierte mir in diesem Moment.

Analoge Fotografie ist ein viel physischerer Prozess.

Man öffnet die Kamera, legt den Film ein, bewegt den Hebel, hört, wie der Film transportiert wird. Kein Bildschirm, keine Millionen von Knöpfen. Selbst das Geräusch des Verschlusses ist anders — eines meiner Lieblingsgeräusche auf der Welt.


All das ließ mich geerdeter fühlen, verbundener mit dem, was ich in der Hand hielt.

Sobald ich mit meiner analogen Kamera in Tasmanien unterwegs war, musste ich langsamer werden. Fast jeder Analogfotograf wird dir sagen, dass das der größte Vorteil von Film ist.
Eine Rolle hat nur 24 oder 36 Bilder — also fragt man sich jedes Mal: Ist es mir das wert, jetzt auf den Auslöser zu drücken? Dieser Prozess zwingt dich, achtsamer zu sein. Absichtsvoller. Ein:e bessere:r Fotograf:in zu werden.

Also schaute ich mich anders um. Was liebte ich eigentlich so sehr an Tasmanien?
Was wollte ich bewahren?

Mir wurde klar: Es ging nicht darum, die Schönheit des Ortes zu zeigen. Ich könnte Tasmanien googeln und perfekte Bilder davon sehen. Ich wollte festhalten, wie es sich anfühlte, auf unserer ersten Reise als vierköpfige Familie zu sein. Ja, es ging um den Ort – aber auch um uns, darum, wie wir unseren Platz in dieser neuen Welt fanden.

Von da an passte alles zusammen. Den Rest der Reise fotografierte ich nur noch auf Film. Ich drückte jedes Mal ab, wenn ich spürte, dass ein Moment es wert war – sei es, wenn die Kinder albern vor dem Camper spielten oder das Licht auf einem Briefkasten tanzte. Ich forderte mich sogar selbst heraus: eine Insel voller Farben in Schwarz-Weiß festzuhalten.

Ich wusste nicht, ob meine Bilder besser sein würden als die digitalen, aber das war egal. Ich liebte den Prozess, und das reichte.

Und wie sich herausstellte, liebte ich die Bilder auch.

Seitdem ist Film mein Medium für meine persönliche Arbeit und für Familienfotografie.

Je mehr ich damit fotografiere, desto mehr liebe ich es, auch wenn ich weniger Kontrolle habe als bei Digital und manchmal unerwartete Ergebnisse bekomme. Eigentlich liebe ich es gerade wegen dieser Unvollkommenheiten.

Ich bin chronische Perfektionistin — mit einer Digitalkamera schieße ich viel zu viele Bilder und quäle mich mit der Frage nach dem perfekten Shot. Aber mit Film geht das einfach nicht.

Es hilft mir zu akzeptieren, dass Dinge nicht perfekt laufen müssen.

Ich habe alle typischen Fehler gemacht: eine Rolle falsch geladen und gar keine Bilder bekommen, die Kamera geöffnet, bevor ich zurückgespult habe, Lightleaks erzeugt, Belichtung versaut, versehentlich verwackelte Bilder gemacht.

Aber wenn ich die Bilder anschaue, liebe ich sie meistens trotzdem.

Wie dieses Foto am Strand in Tasmanien — völlig überbelichtet. Aber wenn ich es sehe, erinnere ich mich genau daran, wie es sich dort angefühlt hat. Es war so hell, dass uns die Augen wehtaten, wenn wir ohne Sonnenbrille in die Ferne blickten.

Das Bild muss nicht perfekt sein, weil es wahr ist.

Film hat mir auch eine ganz neue Ebene von Spaß gebracht. Digitalkameras sind teuer — man besitzt meist nur eine oder zwei. Analoge Kameras hingegen sind oft günstiger. Man kann sie gebraucht kaufen, ausprobieren und weiterverkaufen, wenn sie einem nicht gefallen.

Ich fühle mich wie ein Kind, das mit verschiedenen Spielzeugen experimentieren darf. Jetzt besitze ich meine treue Olympus, eine modernere Nikon F100 für Kundenaufträge und eine kleine Point-and-Shoot-Kamera für Street Photography und Schnappschüsse aus unserem Familienleben und eine Instax.

Als Nächstes will ich eine Polaroid und eine Mittelformatkamera.

Und dann die Filme! Jeder hat eine eigene Ästhetik.

Die Möglichkeiten sind endlos. Was, wenn ich eine Familiensession auf Cinestill mache? Oder Ilford HP5 pushe? Portra 800 auf 400 belichte? Ich liebe es, meinen Stil zu finden — aber auch, ihn immer wieder herauszufordern.

Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass analoge Fotografie gerade ein Comeback erlebt. In einer Welt, in der KI jede Antwort in Sekunden ausspuckt, sehnen sich Menschen nach etwas Greifbarem.

Etwas Langsamem. Etwas, das ihre Nostalgie füttert. Ich sage nicht, dass Film die einzige Lösung ist. Natürlich kann man auch mit einer Digitalkamera achtsam und intuitiv fotografieren. Aber für mich fühlt sich das mit Film natürlicher an.

Also, wenn du mal in einer kreativen Sackgasse steckst: Besorg dir eine günstige Filmkamera und geh damit spazieren! Vielleicht wirst du überrascht.


Text und Fotos: Anna Rösch, Familienfotografin in Potsdam. Die Fotos hat Anna in Tasmanien und in Südafrika gemacht

Annas Infos: Website und Instagram
Filme: Kodak Gold 200, Fuji Color 200, SW Ilford HP5
Labor: Aperture Film Lab Berlin
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Hochsensibel und laut