Was braucht eine Fotografie-Community?
Die Welt dreht sich gerade schneller als sonst und ein bedrohlicher Ton liegt in der Luft. Alles passiert auf einmal. Menschenverachtende Politik wird uns als notwendig und normal verkauft, Faschisten sind plötzlich keine Außenseiter mehr, sondern mittendrin. Wir fühlen uns verraten, machtlos und haben Angst vor der Zukunft.
In solchen Zeiten ist es noch wichtiger als sonst, dass wir zusammenhalten. Aber wie?
Wie schaffen wir es hier in unserer Kultur, die jahrhundertelang den Individualismus gefeiert hat, echte Gemeinschaft zu bilden?
Und welche Rolle haben wir als Fotograf:innen dabei?
In der Welt der Fotografie sprechen viele von Community — aber was bedeutet das eigentlich? Und warum gibt es gerade jetzt so ein großes Bedürfnis danach?
Kann eine Fotografie-Community mehr sein als eine bezahlte Mitgliedschaft?
Auf deutsch heisst Community Gemeinschaft, auf Spanisch Tribu. Die Tribu ist die älteste Form, in der Menschen zusammenleben. Wir sind soziale Wesen, wir können nicht alleine leben, wir brauchen eine Tribu, um zu existieren, genauso wie ein warmes Zuhause und etwas zu essen.
Ich bin in den letzten drei Jahren drei mal umgezogen. In dem schönen Barrio von Barcelona, wo ich jetzt wohne, vermisse ich die Gemeinschaft. Ich sehne mich danach, meine Nachbarn besser kennenzulernen, um mich verbunden und zugehörig zu fühlen.
Dieses Gefühl hatte ich noch vor drei Jahren sehr stark. Damals haben wir in einem kleinen Ort außerhalb von Barcelona gewohnt und unsere Kinder haben eine freie Schule im Wald besucht. Das Schulprojekt war neu und mutig, weil wir uns außerhalb der gesetzlichen Schulpflicht bewegten. Die ganze Schule hätte jederzeit aus legalen Gründen oder wegen Geldmangel geschlossen werden können.
Als Familien hat uns dieses Wagnis und der noch größere Wunsch, unseren Kindern die Freiheit selbstbestimmten Lernens zu geben, zusammengeschweißt.
Wir waren eine Tribu, die auch außerhalb der Schulzeiten eng zusammengehalten hat. Wir haben Kinderklamotten und Spielzeug an die kleineren Kinder der Tribu weitergegeben und uns gegenseitig mit Werkzeug, Tipps und Kontakten geholfen. Wenn ein Auto in der Werkstatt war, gab es immer andere Familien, die die Kinder gebracht oder abgeholt haben. Wenn Eltern Termine hatten, gab es immer eine andere Familie, die die Kinder zum Essen oder zum Übernachten mit nach Hause genommen hat.
Wir waren nicht alle miteinander befreundet, aber wir fühlten uns füreinander und unsere Schule verantwortlich. Ich habe dort jahrelang im Garten gearbeitet, den Kindern Fotografieren beigebracht — und natürlich selbst fotografiert.
Diese Fotos machen die Gemeinschaft sichtbar und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl. Jede Familie besitzt eines oder beide der Fotobücher, die ich in den ersten Jahren zusammengestellt habe. In der Schule werden sie immer noch von den neuen Kindern durchgeblättert. Noch vor ein paar Tagen hat mich einer der Lehrer gefragt, ob ich ihm einige Fotos schicken kann.
Diese Bilder verbinden uns Gründerfamilien immer noch über Zeit und Entfernungen hinweg. Sie sind nicht nur Erinnerungen, sondern eine Manifestation unserer Tribu, unseres Zusammenhalts und der gegenseitigen Fürsorge.
Gegenseitige Fürsorge ist die wahre Bedeutung von Community. Es reicht nicht, einer Community beizutreten. Gemeinschaft braucht aktive Teilnahme und Eigeninitiative von allen Mitgliedern sowie die Bereitschaft, auch zu geben.
Wenn wir als Fotograf:innen eine echte Gemeinschaft sein wollen, dann müssen wir bereit sein, uns gegenseitig zu helfen — unabhängig davon, wo wir Kurse und Workshops besuchen.
Vor allem aber brauchen wir eine gemeinsame Vision, die größer ist als unser eigenes Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Bestärkung und sogar größer als die Community.
Ich wünsche mir eine Gemeinschaft von achtsamen, sensiblen und mutigen Fotograf:innen über Grenzen, Religionen und Hautfarben hinweg mit einer großen Liebe für das Leben — für alle Menschen und unseren Planeten, gegen Faschismus und Ausbeutung.
Ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig helfen und stärken, damit wir alle unsere einzigartigen Talente entfalten können.
Ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig daran erinnern, welche Macht die Fotografie hat, um an einer besseren Welt für ALLE mitzuwirken.
Ich wünsche mir, dass unsere Vision für eine bessere Zukunft größer ist als Selbstzweifel, Angst vor Kritik und Konkurrenz, die uns so oft davon abhalten, alles zu geben, was wir geben könnten.
Was können wir tun?
Hier sind ein paar Ideen, um das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Fotografie-Community zu stärken:
Wenn wir Fotos online kommentieren, spiegeln wir anderen Fotografinnen oder Fotografen, welche Wirkung ihre Bilder auf uns haben. Damit zeigen wir ihnen, dass ihre Arbeit etwas bewirkt.
Wir suchen aktiv nach Fotograf:innen außerhalb unserer kulturellen Bubble und nehmen Kontakt auf, indem wir ihre Fotos kommentieren oder ihnen eine Nachricht schreiben.
Wir lassen uns von den Fotos aus anderen Kulturen und anderen fotografischen Nischen inspirieren.
Wir initiieren Projekt-Kooperationen, die unsere gemeinsamen Werte spiegeln und versuchen, sie zu veröffentlichen.
Wir helfen uns gegenseitig mit Kontakten und Zugang zu Orten oder Menschen, die wir fotografieren möchten.
Wir weisen uns gegenseitig auf Stipendien und andere Förderung hin.
Wir teilen Fotos anderer Fotograf:innen, nicht nur unserer Freund:innen. Damit erweitern wir den Horizont unserer Bubble und schaffen Verbindungen.
Wir fragen andere Fotograf:innen nach ihrer Meinung zu unseren Fotos und bitten sie um Rat.
Das Wichtigste: wir arbeiten daran, unser eigenes Selbstbewußtsein zu stärken, um andere Fotograf:innen nicht als Konkurrenz zu sehen. So würdigen wir die unterschiedlichen Talente aller und wachsen gemeinsam.
Fotos und Text: Sonja Stich